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Woher kommt der "blickwinkel" ?

"blickwinkel" entwickelte sich irgendwann in den 1980-er Jahren als geschriebenes Forum in Gestalt einer Blattsammlung. Wie in vordigitaler Zeit nicht unüblich, entstanden die Flugblätter, indem eingesandte maschinengeschriebene Artikel umkopiert und geschnitten zu einer Vorlage verarbeitet wurden.
Was da so aus den Fotokopierern kam, entsprach der damals zeitgemäßen Technik und fand manchmal recht merkwürdige Verbreitungswege.
Die Inhalte waren zunächst weder geordnet noch themengerichtet. Es wurde geschrieben, geklebt und kopiert. Wer eines dieser Blätter interessant fand, kopierte es, ergänzte es, kommentierte, oder er gab es einfach unverändert weiter.
Diese Art publizistischer Anarchie fand ein Ende, als in den 90-ern vermehrt politische Texte auf diesem Wege ihre Verbreitung suchten. Zu dieser Zeit distanzierten wir uns von unserem bis dahin eher "allgemein intellektuell" gedachten Label. Der entstandene Kampf zwischen polemischer Kriegs- und Antikriegshetze einerseits und einem teils plumpen Pro und Contra bezüglich der aufkommenden Flüchtlingsfragen andererseits war uns zuwider.
Das Ziel der ursprünglich Beteiligten war der Austausch von Denkanstößen gewesen. Anstelle eines Stammtischtreffens sollte der "blickwinkel" dazu anregen, fernab von Biertischen und dortiger promille-motivierter Parolen in aller Ruhe die einen oder anderen Gedanken zu reflektieren.
Auf diese Zeit rückblickend, möchten wir erinnern, daß es zur Erarbeitung eines Themas keinen Rechner gab. Man begab sich in die Bibliothek, oder man traf sich mit Interessierten, deren Kreise es zunächst zu erschließen galt.

...Episode am Rande : Es war geradezu amüsant, im damaligen Wilhelmspalais in der Stuttgarter Innenstadt am Nachbarplatz einen dieser oftmals schlecht kopierten Zettel neben einem Buch auszumachen, der offenbar in die Arbeiten des Lesenden einbezogen wurde. Ich erinnere mich noch, daß die junge Dame am Lesetisch keine konkrete Antwort auf die Frage nach der Herkunft des mittlerweile gehefteten Flugblattes geben konnte. Einzig das damals noch handskizzierte Logo des "blickwinkel" wies darauf hin, daß es sich um die Zeitung handelte, die nie eine Zeitung war.

Was aus diesem Produkt Aller für Alle nach den 1990-er Jahren wurde, wissen wir nicht. Die Kontakte nach Stuttgart waren verwaist, die Interessenslage wurde von beruflichen Notwendigkeiten überlagert, und irgendwie geriet die alte "blickwinkel"-Idee in Vergessenheit. Vielleicht war das Erscheinungsbild aus fotokopierten Blättern in der eigenen Erinnerung einfach zu nahe an einer Schülerzeitung. Dorthin bestand als nunmehr Erwachsener keine spürbare Affinität mehr.
Andererseits wird man mit fortschreitendem Alter auch ein wenig sentimentaler. Und so wird es wohl gekommen sein, daß wir uns eines Tages an diese nostalgische Geschichte erinnerten. Mit einer Spur von Wehmut besannen wir uns auf dieses Machwerk aus Guter Alter Zeit, waren uns aber sogleich klar über den Umstand, daß eine Wiederbelebung unzeitgemäßer nicht sein könnte.

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