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Schwachsinn Pressen
Stachelschriften
...aus Magazin blickwinkel - Ausgabe 2013
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wir bauen eine Ente



Wie wird aus kreativem Schwachsinn eine seriöse Pressemeldung ?



Wer Skrupel hat, sollte sich vom sogenannten seriösen Journalismus fernhalten.
Der folgende Artikel soll dennoch keineswegs als Anleitung verstanden werden.


Zuerst schreiben wir eine These auf, egal wie realitätsfremd die sein mag. Unser Ziel ist es, diesen Unfug bis zur Schlagzeilentauglichkeit zu untermauern.

Beispiel : Kannibalismus weltweit auf dem Vormarsch



Nun schreiben wir einen Text, in dem wir uns auf einen alten Artikel aus der Süddeutschen beziehen. Diese geben wir als Quelle an. Also nicht wir behaupten etwas, sondern die renommierte Süddeutsche hat es geschrieben.
Während der Originalartikel sich korrekterweise nur mit einem archäologischen Fund befaßt, formulieren wir auf dieser Basis eine Frage.
"Ein 7000 Jahre altes Massengrab in der Pfalz mit vermutlich mehr als tausend Toten gibt Rätsel auf: Waren Europas erste Bauern Kannibalen - oder begingen sie rituelle Massaker? "


Das ergänzen wir nun mit ein paar Allgemeininfos zum Begriff Kannibalismus.
Suchmaschine - copy modify paste.
Als Einstieg wählen wir den Hinweis, es handle sich um eine Reisezielempfehlung für archäologisch interessierte Touristen, und wir erwecken den Eindruck, es sei ein Tipp für die nächste Reise.
Das interessiert niemanden, und so wird es auch niemand sonderlich beachten.

Aus Spaß könnten wir das anschliessend noch in irgendeine andere Sprache übersetzen.
Damit bekommt der Unsinn internationales Gewürz. So etwas klingt nicht nur schrecklich kompetent, es erschwert auch die Nachvollziehbarkeit der Quellen.
100 Blätter aus dem eigenen Drucker landen dann im Ausland in beliebigen Briefkästen, am besten dort, wo ohnehin niemand wohnt. Das kann also auch ein Urlaubsort sein, in dem außerhalb der Saison kein Mensch anzutreffen ist.
Einer dieser Zettel landet zufällig im eigenen Briefkasten.
Ein paar Fotos von diesem Zettel, auf denen beiläufig erkennbar ist, daß die Bilder an fremden Orten aufgenommen wurden, gelten als Dokumentation.
Damit ist der Text nachweislich publiziert und dient fortan als Herkunftsnachweis.


Nun wird das Ding zurückübersetzt und wird zusammen mit einem Einleitungstext zur "Nachricht".
Was wir in diesen einleitenden Text so alles mit reinpacken, bleibt weitgehend uns selbst überlassen.
Als Nachricht gilt nur das Zitat aus dem ursprünglichen Zettel.
Dennoch wird die Gesamtmeldung nun schon als Nachricht empfunden.
Irgendein Volontär wird sich finden, der das bei seinem Chef durchdrückt, wenn es gerade in der Nachrichtenlage etwas dünn sein sollte.
Gut geeignet ist dafür die Urlaubszeit, z.B. im üblichen Sommerloch.




wer jeden Tag eine Ente verspeist,
sollte Massentierhaltung nicht beklagen


Als nächstes sorgen wir dafür, daß ein Teilzitat übernommen wird.
Besonders geeignet sind Blogs, weil der Eingangsartikel zusammen mit dem gelieferten Bild vom Originalzettel erscheint.
Die weiteren Absätze erscheinen erst unter "...weiterlesen".

Übernommen wird anschließend nur noch der Eingangsartikel mit Bild.
...und der könnte lauten :

Wie Brit/Franz/Ital... Quellen berichten, wurden Dokumente nachgewiesen, die kannibalistische Rituale belegen.

Textfortsetzung...
Explizit genannt werden dort westdeutsche linksrheinische Gebiete. Auf großes Interesse stießen die Erkenntnisse im benachbarten Frankreich, von wo uns das abgebildete Dokument erreichte. Die Nachricht, welche zunächst nur in Französisch und Spanisch erschien, liegt uns nun auch in Deutsch vor. Sie sorgte für einiges Aufsehen, nicht zuletzt angesichts dessen, daß dieser Verbreitungsraum den größten Teil Westeuropas umfaßt.
Kannibalismus in Europa - es stellt sich die Frage, ob dies wirklich nur ein Ausnahmephänomen ist, oder ob es nicht viel mehr ein Gesamteuropäisches Problem ist, über welches viel zu lange geschwiegen wurde.
...weiterlesen...




Einzeln betrachtet, sind alle Bausteine verifizierbar. Die kreative Komposition hingegen würde aller Seriosität entbehren.
Doch wer sollte sich daran stören ?

Wie lange wird es wohl dauern, bis wir Meldungen finden, die nur noch unseren selbstlancierten Textteil wiedergeben ?
Schließlich beinhaltet dieser Part die eigentliche "Sensation".
Einer schnellen Standardrecherche hält dieses Machwerk problemlos stand.

Und das Alles sogar mit Quellennachweisen.


Irritierend mag bestenfalls die Thematik sein. Alleine das Tabu-Wort "Kannibalismus" macht Leser noch skeptisch - noch -
Viele Themen, die uns vor wenigen Jahren unfaßbar erschienen, würden sich inzwischen bestens als 'Entenfutter' eignen.

So sehr haben wir uns an Bestialitäten gewöhnt. Es gibt kaum noch Begriffe mit repellierender Wirkung. Zwischen Sprache und Kultur besteht aber eine kaum zu überschätzende Wechselwirkung.

Die Medien verändern unsere Sprache
der Maulkorb heißt Pressekodex

Die Sprache verändert unser Sozialempfinden
Neue Vokabeln schaffen eine Neue Gesellschaft

Das soziale Umfeld beeinflußt die individuelle Sprache, daran bestehen kaum Zweifel. Die umgekehrte Wirkung ist aber ebenso zu beobachten.
Wer eine Gesellschaft verändern will, sollte nicht vergessen, an der Sprache zu arbeiten, um auf diese Einfluß zu nehmen. Dies geschieht ständig, und es ist politisch und ideologisch gewollt.
Wie weit dieser gesteuerte Prozeß fortgeschritten ist, läßt sich nur schwerlich messen.
Erkennen läßt er sich aber an der Qualität der Vokabeln, deren Thematisierung wir akzeptieren.


Heute lesen wir fast ohne Schauder über Begrifflichkeiten hinweg, die wir noch vor wenigen Jahren kaum auszusprechen gewagt hätten.
Es ist also nur noch eine Frage der Zeit, bis wir auch zur besten Sendezeit im TV über den alltäglichen Kannibalismus sprechen werden.


Mit welchen Methoden unsere Sprache verändert wird, zeigt exemplarisch das sogenannte
' Overton-Fenster ' auf. (als Suchbegriff lohnend)