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Der peinliche Schwindel um die Lüge
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Der peinliche Schwindel um die Lüge

Der Streit um die Urheberschaft des Kampfbegriffes "Lügenpresse" ist ebenso müßig wie die noch nicht so recht gewagte Diskussion um die Vielfältigkeit dessen Adaption.
Den Gebrauch dieser so griffigen wie auch unpräzisen Wortschöpfung einzig einer bestimmten Epoche zuzuschreiben, gründet irgendwo zwischen Unwissen und propagandistischem Interesse.
Bereits vor weit über hundert Jahren geprägt, erlebte der Begriff mehrere Renaissancen. Selbst manch ein Demonstrant von einst erinnert sich an die Schlachtrufe gegen "Springer", dem damaligen Feindbild einer ganzen Generation von Hochschülern nebst ihrem Gefolge.

Während die "Bild" in ihrer eher klaren Sprache selten den Anspruch erhob, sich gezielt an die Gruppe derer wenden zu wollen, die sich gerade auf dem Wege zu akademischen Würden befanden, hatten andere Printmedien einen nahezu kryptischen Stil entwickelt, wenn es um die Benennung unbequemer Sachverhalte ging.
Gerne zogen sich Verfasser in eine Art Lingua ignota zurück, um im Zweifelfalle unangreifbar zu bleiben. Diesen Code zu entschlüsseln, war für deren Leserschaft tägliche Routine.

Traf ein solchermaßen geschulter Leser nun auf einen Artikel, der in offener Direktheit auf politisch korrekte Chiffrierung verzichtete, sah er darin recht schnell Polemik, Überzeichnung oder gar eine propagandistische Verzerrung, was für sein Empfinden der Lüge schon sehr nahe kommen konnte.
So war es nicht sonderlich überraschend, dass diese, später als "die 68-er" Bezeichneten, die Parole von der "Lügenpresse" aufnahmen. Bei aller Ungenauigkeit, bei der Missverständlichkeit dieses schon damals so platten wir mehrfach vorbelasteten Begriffes, nahm die Linke ihrer Zeit dennoch keinerlei Anstoss an dessen Verwendung.

Verglichen mit dem Sprachgebrauch jener Zeit, wirken heutige Presseerzeugnisse geradezu virtuos im Umgang mit Orwellschem Neusprech.
Dagegen zeigt sich im Netz ein breit gefächertes Spektrum unterschiedlichster Foren, Blogs und sogenannter Sozialer Medien, die keinerlei Wert auf derlei Konventionen zu legen scheint.
Schnörkellos und direkt, in ihren Auswüchsen oft auch zügellos und unverschämt, hat die Anarchie sich aus der einstmals exclusiv Linken Ecke Bahn gebrochen in die Mitte der Gesellschaft und darüber hinaus bis weit nach Rechts.
Plötzlich gelangen Nachrichten, Meinungen und Kommentare uncodiert, aber auch außerhalb nahezu jeder Kontrolle und überdies in mehr als Lutherischem "Volksmaulsprech" in die Öffentlichkeit.
Dieser Art moderner Publikation, unter Mißachtung geliebter Konventionen und in einer ungewohnten Form der Demokratisierung ist die Mehrheit der Bürger nicht immer gewachsen.

So wie wir lernen mussten, in politisch korrekt glattgebügelten Pressemeldungen zwischen den wohlfeil ausformulierten Zeilen nach den Kerninhalten zu suchen, so müssen wir nun lernen, auch mit diesen neuen Medien geeignet umzugehen.
Wir haben gelernt, auch die verquastesten Meldungen zu entschlüsseln, um zu erkennen daß ein "ausgeprägt zunehmendes Negativwachstum" eigentlich nur den wirtschaftlichen Niedergang einer Region gewollt euphemistisch umschreibt.
Ebenso müssen wir nun lernen, in den zugegebenermaßen nicht immer leicht erträglichen Formulierungen im Netz, die relevanten Inhalte zu extrahieren. Im gleichen Maße wie die Fähigkeit zur Medieninterpretation wächst, verringert sich zugleich die Anfälligkeit gegenüber propagandistischer Umtriebe, von welcher Seite auch immer sie lanciert sein sollten.


Die Presselandschaft muß zur Ausbildung dieser Medienkompetenz den Lesern beide Seiten bieten.
Es bedarf der professionell unanstößigen Wortwahl etablierter Zeitungen, um Geschehnisse und Situationen in unangreifbarer Form zu dokumentieren.
Das schärft den Blick für's wesentliche.
Genauso bedarf es aber der Möglichkeit, Meinungen zu äußern, zu teilen oder abzulehnen, um sich auch ohne juristischen Beistand in eine verbale Auseinandersetzung begeben zu dürfen. Das verhindert ein Abdriften ins akademische.

Keine der beiden Seiten sollte der Lüge bezichtigt werden. Nicht weil es die Lüge nicht gäbe, sie ist allgegenwärtig, und sie ist Teil des Alltags. Sie hat meist prosozialen Charakter, und sie ist notwendig. Vieles wäre geradezu unerträglich, spräche man es gänzlich unverlogen aus.
So ist es die höchst individuelle und überdies kreative Aufgabe eines Jeden, sein persönliches Weltbild inmitten der Lügen zu finden.

In dankenswerter Weise sind es oftmals die sogenannten "Kleinen Verlage", deren Regionalausgaben Ross und Reiter nennen, wenn lokale Vorkommnisse eine Deutlichkeit verlangen, an die sich grosse Meinungsführer nicht heranwagten.
An diese mutigen Lokaljournalisten sollte sich der Vorwurf übertriebener Konformität niemals richten. Sie sind es, die viel riskieren, indem sie in verständlicher Sprache ihre Leser informieren, ohne dabei in den übersetzungswürdigen Terminus ihrer gar so grossen Kollegen zu verfallen. Sie schreiben und publizieren in der ständigen Gefahr, sich in unangenehmer Weise vor den "Mächtigeren" rechtfertigen zu müssen.

Der Anspruch auf die Vertretung der Wahrheit ist vielmehr macht- als kenntnisbegründet.
Die undemokratische und geradezu gefährliche Forderung, die Wahrheit für sich beanspruchen zu können, zieht sich durch die Weltgeschichte, stets begleitet von Ideologien wie auch von Religionen. Die Schaffung solch zementierter Weltbilder zeugt von hoher kreativer Leistung, ändert aber nichts an der Erkenntnis, dass es stets die Dogmen waren, die Opfer kosteten. Die Einbringung unflexibler Gesellschafts- und Lebensentwürfe in eine bestehende Kultur, war immer wieder Ursache des Untergangs ganzer Völker.

Die destruktiven Kräfte entfalteten sich immer besonders dann, wenn sich neu eingebrachte Weltbilder der Anpassung in das Bestehende verweigerten. Die Folge war häufig die völlige aber stets die blutige Vernichtung des Alten. Zur Auffindung belegender Beispiele muss man nicht bis Lateinamerika reisen, sie finden sich auch in ausreichender Zahl auf dem uns eigenen Kontinent.
Zur Reform unfähige Lebensentwürfe geben individueller Kreativität keinen Raum. Als Gesellschaftstheorie unterbinden sie diese sogar kollektiv.
Wenn es gilt, auch nur eine einzige Veränderung unserer in Jahrhunderten mühsam entwickelten Strukturen mit allen Mitteln zu verhindern, dann ist es die, welche künftige Veränderungen verhindern würde.
Natürlich darf in einer Gesellschaft prinzipiell alles konsensual reformiert werden, nur eben nicht das Recht auf Reformen. Die Beteiligung reformunfähiger Kräfte in der Gesellschaft, führt in eine Sackgasse der Dogmen.

Wenn es eine Lüge gibt, mit der wir nicht leben sollten, dann ist es die, welche verspricht, Freiheit und Kreativität zu bewahren, beides jedoch dogmatisch und unumstößlich im Ansatz unterbindet. Konzepte, welche in sich bereits Reformen ablehnen, gehören nicht zu unserer Gesellschaft.
Wer deren Einflußnahme hinnimmt und sie zugleich bestreitet, muss mit dem Vorwurf der Lüge rechnen.
Diese Lüge wäre so unfassbar, dass alle, aber auch alle Alternativen dringlichst geprüft werden müssten.

Dem Menschen ist Kreativität mitgegeben, sie zu nutzen ist eine Kunst, sie nutzen zu dürfen, ist ein zentrales Recht in unserer Gesellschaft. Angesichts dieser harten und lebenslangen Herausforderung mag Picasso vielleicht ein wenig versöhnen :
"Die Kunst ist eine Lüge, die uns erlaubt, uns der Wahrheit zu nähern, zumindest der Wahrheit, die uns verständlich ist."